Israelin Orit Arfa: Der Tag, an dem sich ein Nazi-Nachkomme bei mir entschuldigte

Der Tag, an dem sich ein Nazi-Nachkomme bei mir entschuldigte

Vergeben lernen

Kürzlich schrieb ich eine bisher noch unveröffentlichte Geschichte über Familienalben aus der Nazi-Zeit, ausgelöst durch einige solcher Alben, die ich zufällig auf einem Berliner Antiquitäten-Flohmarkt fand. Diese Alben stellen die Normalität einer Nation dar, die nach und nach Hitlers Terrorherrschaft akzeptierte und unterstützte. Familien machen Urlaub, während die Synagogen brennen.

Ein Hitler-Porträt erscheint plötzlich im Wohnzimmer.

Bräutigame heiraten stolz in Uniform.

Meistens werden diese Alben irgendwo hingelegt und ignoriert (oder an den Meistbietenden verkauft). Die Nazi-Zeit ist für die Deutschen manchmal eine schwere, aber abstrakte, nationale Tragödie, die ihre Familien aber kaum persönlich berührt.

Während Deutschland, als Nation gesehen, große Reue ausdrückt, reden die meisten deutschen Familien nicht offen darüber, was ihre Eltern, Großeltern und mittlerweile Urgroßeltern getan haben.

Aber es gibt einige tapfere deutsche Seelen, die diese Seiten aufschlagen.

Eine solche Frau ist Tina Pompe, aktiv beim Marsch des Lebens. Das sind Deutsche und Nachkommen von Nazi-Tätern, die jetzt für Israel und das jüdische Volk kämpfen. Die Bewegung entstand aus einem freikirchlichen, christlichen Dienst in Tübingen, das einst die intellektuelle Wiege des Nationalsozialismus gewesen war. Der Pastor der Gemeinde ermutigte die Gemeindemitglieder, sich der schwierigen und gründlichen Familienforschung zu stellen.

Mit Hilfe von Familienalben, die sie in der Ferienwohnung ihrer Familie fand, entdeckte Pompe die Rolle ihres Großvaters während der „schweigenden Jahre“.

„Zum ersten Mal hielt ich ein Vorkriegs- und Kriegsalbum in meinen Händen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte“, sagte Pompe, 46, aus New York, wo sie als Vertreterin ihres Dienstes bei den Vereinten Nationen war, um dort zu beten und für Israel einzutreten. Das Album aus dem von Nazis besetzten Frankreich sah mehr aus wie ein Urlaubsalbum.

„Hier Sehenswürdigkeiten, dort Sehenswürdigkeiten, Jagdausflüge, Mont St. Michel besuchen“, sagte sie. „Hin und wieder gab es auch Bilder von vollständig ausgebombten Städten, also war es wirklich Krieg.“

Briefe an seine Frau, ihre Großmutter, lasen sich mehr wie eine Warenliste von Dingen, die er ihr schickte. Sie stellte fest, dass er in einer militärischen Einheit arbeitete, die Eigentum und Versorgung „requirierte“, um sicherzustellen, dass die Deutschen gut genährt und untergebracht waren.

„Also eigentlich die Zivilbevölkerung zu berauben.“

Bis eine Ausstellung in den 1990er Jahren den Anteil der deutschen Wehrmacht am Völkermord darstellte, galten die deutschen Streitkräfte weitgehend als „sauberer“ als die SS oder Gestapo. Ihre Entdeckungen entkräfteten diesen Mythos noch weiter. Die Einheit ihres Großvaters war auch verantwortlich für die Durchführung von Geiselerschießungen, unter denen sich ohne Zweifel auch Juden befunden hatten, als Vergeltungsmaßnahmen für die Verletzung von deutschen Soldaten.

Im vergangenen Monat nahm sie in Frankreich an der Zeremonie zur Erinnerung an die französische Deportation von 76.000 Juden teil. Dabei benutzte Pompe Google Street View, um das französische Haus zu finden, in dem ihr Großvater lebte (nach der Beschlagnahmung), unter anderem, weil sie sich bei den (nicht- jüdischen) Besitzern für die Verbrechen ihres Großvaters entschuldigen wollte. Sie fand sie, und überraschenderweise wollten sie nichts davon hören, dass sie sagte: „Es tut mir leid.“

„Sie sagten nur:“ Lasst uns aus der Vergangenheit lernen und sicherstellen, dass es nicht wieder passiert „…

„Wenn ich mit Holocaust-Überlebenden spreche, versuchen sie zu sagen: ‚Es ist nicht deine Schuld und du hast es nicht getan‘, und das ist ja auch richtig, aber ich muss Verantwortung für das übernehmen, was meine Familie getan hat, und sagen: ‚Es tut mir leid‘, und ‚so etwas darf nie wieder passieren.‘ Die meisten Überlebenden erleben Heilung dadurch, aber die Franzosen konnten das noch nicht annehmen.“

Sie glaubt, dass Nachkommen der Generation des Zweiten Weltkrieges, sowohl auf der Seite der Opfer wie auch der Täter, innerlich von unermesslichen psychologischen Auswirkungen betroffen sind, die nur geheilt werden können, wenn man sich der Familiengeschichte stellt, das Schweigen bricht und, was noch wichtiger ist, in einen Prozess von Entschuldigung und Vergebung eintritt.

Normalerweise halte ich meine journalistischen Interviews professionell und unemotional. Im Interview geht es um das Thema, nicht um mich. Aber etwas, das sie sagte, berührte mich.

Ich sagte ihr: „Ich bin die Enkelin von Holocaust-Überlebenden, und ich frage mich, wie sehr ich psychologisch betroffen bin, ohne es selbst zu wissen. Es ist so, als würde ich eine Last tragen, immer unter der Furcht, verfolgt zu werden. Aber hier lebe ich in Deutschland, und auf seltsame Art liebe ich es, also muss ich den Schmerz irgendwo loslassen. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, zu vergeben, was getan wurde, aber auf irgendeine Weise muss ich ja schon vergeben haben. Es gibt viele Holocaust-Denkmäler, aber noch hat sich niemand persönlich bei mir entschuldigt.“

Ihr Ton wandelte sich von professionell zu mütterlich. „Was ist, wenn ich mich entschuldige? Was, wenn ich sage: ‚Es tut mir Leid‘?“ Tränen liefen mir über das Gesicht.

„Aber ist es an dir, zu sagen es tut dir Leid? Es war doch eine Kollektivschuld?““Ich könnte für mein Volk sagen, es tut mir leid. Und vielleicht wird nicht jeder sagen ‚Entschuldigung‘, aber ich werde es tun.“

Ich fing an zu schluchzen. Es war mir  nicht klar gewesen, wie sehr ich es gebraucht hatte, das zu hören. Wie sehr ich ihre Umarmung in diesem Moment brauchte, die sie auch geben wollte.

Ich sagte: „Danke,“ aber es war noch schwer für mich zu sagen: „Ich vergebe Deutschland.“

Der Holocaust hat meine Weltsicht geprägt. Ich habe davon gelernt. Ich habe ihn in meinem tiefsten Inneren gespürt, aber ich will nicht mehr, dass er mich psychisch beeinflussen kann. Ich möchte den posttraumatischen Stress loslassen. Ich will sogar vergeben, damit ich aus Kraft, Vernunft und Authentizität handeln kann und nicht aus Angst; vor allem, weil ich heute gegen den Antisemitismus kämpfe, hauptsächlich in Form von Dschihadisten, die vor gewalttätigen Judenhass sprühen und so handeln, dass Hitler stolz auf sie wäre.

Aber selbst wenn ich Deutschland verzeihen würde, würde ich mich immer noch verfolgt fühlen. Nein, ich bin verfolgt, buchstäblich. In Israel fühlte ich mich als leichte Beute, nie sicher, wann ein palästinensischer Terrorist mit einem Messer oder Fahrzeug in einem Café, Bushaltestelle oder auf der Straße zuschlagen würde. Nur wenige Tage vor meinem Interview mit Pompe erstach ein arabischer Terrorist kaltblütig eine israelische Familie und tötete drei von ihnen, als sie sich auf den Shabbat vorbereiteten.

Ein paar Tage später entfernte der Ministerpräsident die Metalldetektoren am Tempelberg aus Angst vor dem Juden- hassenden moslemischen Mob.

Also sagte ich etwas, das mich selbst überraschte: „Wenn ich Deutschland verzeihe, bleibt noch mein eigenes Volk, dem ich vergeben muss. Könnte ich ihnen verzeihen?“ Es ist völlig tabu, und manche würden es für verabscheuungswürdig halten, die Juden für den eigenen Tod im Holocaust verantwortlich zu machen. Wie kannst du es wagen, die Opfer zu beschuldigen?  Aber die Juden waren keine gewöhnlichen Opfer.

Sie waren vorbildliche Opfer. Sie waren zum großen Teil passive Opfer. Man mag Unwissenheit mit einrechnen und Ausreden für 100.000 Juden finden. Für 200.000 Juden. Aber sechs Millionen? Wir Juden fragen kaum: „Was hätten wir noch tun können, um das zu stoppen?“ Pompe versuchte, mir zu versichern: Israel ist jetzt ein Licht für die Völker, und das jüdische Volk lebt in seiner Berufung.

Aber das tun wir nicht. Das Wesen des Judentums ist es, gegen Sklaverei zu kämpfen.

Wir erzählen jedes Jahr zu Pessach und Purim die Geschichten von Freiheit von Sklaverei und vom Kampf gegen den jüdischen Völkermord – aber was nützt das? Es gab nur wenig wirklichen Widerstand gegen Sklaverei und Tod während des Holocaust.

Heutzutage beschwichtigt die israelische Regierung Judenmörder, und das Volk glaubt den Entschuldigungen dafür, weshalb wir uns nicht zur Wehr setzen und diesen Terrorismus vollständig auslöschen.

Juden scheinen immer auf die Erlaubnis eines anderen zu warten.

Der Staat Israel sollte das „Es tut mir leid“ des jüdischen Volkes an das jüdische Volk sein, das „Nie wieder!“ Aber nie wieder ist jetzt! Kein einziger Jude sollte mehr auf den Straßen Israels ermordet werden, nur weil er oder sie Jude ist. Ich bin von meinem Volk enttäuscht. Es ist zu leicht für das jüdische Volk, der „Welt“ und vor allem Deutschland die Schuld für das heutige jüdische Leiden, Schmerz und Schwäche in die Schuhe zu schieben, und dann die „internationale Gemeinschaft“ um Gnade anzuflehen.

Vielleicht bin ich in Deutschland, um diesen Prozess der Entschuldigung und Vergebung zu erfüllen, um einen Paradigmenwechsel zu schaffen. Es ist schwer. Es ist schmerzhaft. Aber es ist auch begeisternd.

Solange es Leute wie Pompe gibt, ist der Prozess möglich. Und solange wir Juden stets den anderen Nationen die Schuld geben und nicht bei uns selbst anfangen, werden wir uns niemals von innen nach außen verändern, um sicherzustellen, dass das jüdische Volk niemals wieder versklavt wird.

Also, Deutschland … ich verzeihe dir.

Orit Arfa

Orit Arfa ist Journalistin mit Sitz in Berlin und berichtet über deutsch-israelische Angelegenheiten und Autorin des Buches „Der Siedler“. Ihre Website ist www.oritarfa.com.

Bekannt wurde sie in Deutschland vor allem durch ihren  „Liebesbrief an Deutschland“ der hier zu finden ist:
https://boasinfo.wordpress.com/2016/07/26/liebesbrief-einer-israelin-an-deutschland/

Weiterer Artikel:
https://boasinfo.wordpress.com/2016/09/26/der-holocaust-ist-vorbei/

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